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"heimat.kunden" – Ein Projekt von Dirk Raulf. Lippstadt 2020/21
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Montag, 27. Juli 2020 (Bei Suche nach "josefsheim" )
Die Verbindung ergab sich aus der Eickelborn-Recherche (19. Juli): Zufällig stieß ich auf das Schicksal von Paul Brune (1935 - 2015). Über ihn gibt es eine Reihe von Beiträgen in Rundfunk und Zeitungen, es gibt Bücher, es gibt einen Dokumentarfilm, es gibt sogar eine Graphic Novel (s. u.).

Paul Brune wurde als uneheliches Kind in Altengeseke geboren. Die Mutter, die von ihrem Ehemann schwer mißhandelt wurde, versuchte, sich und ihre drei Kinder im Dorfteich zu ertränken. Ein Kind kam dabei um. Aufgrund dieses Selbstmord- bzw. Tötungsversuchs wurde die Mutter zwangssterilisiert, für geisteskrank erklärt und in die Anstalt Eickelborn eingewiesen. Die Kinder kamen in Heime; der einjährige Paul ins Lippstädter Josefsheim, die erste Station seines 20jährigen Martyriums in der Psychiatrie der Nazis und der Nachkriegszeit. Das Josefsheim, das neben dem – ebenfalls durch Vinzentinerinnen geführten – Lippstädter Dreifaltigkeitshospital stand und später abgerissen wurde, zeichnete sich durch alle nur denkbaren Grausamkeiten der später sog. Schwarzen Pädagogik aus.

Im Vorwort zu "... und über uns kein Himmel" von Robert Krieg heißt es: "Die Vinzentinerinnen waren selbst Opfer der herrschenden Ideologie. Ihr 'geistiger Vater' war der Paderborner Priester und Moraltheologe Joseph Mayer, der ein Standardwerk über den rassischen Niedergang der Deutschen und über die Gefahren für den gesunden Volkskörper, die von Fürsorgezöglingen ausgehen, geschrieben hatte. Er unterrichtete und indoktrinierte die jungen Frauen, die meistens aus bäuerlichen Familien stammten und nur wenig Allgemeinbildung genossen hatten."

Die drakonischen Strafen und das überaus brutale Vorgehen der Vinzentinerinnen gegenüber Kindern in Waisenheimen ist vielfach belegt (u. a. auch für das Lippstädter Josefsheim). Ob man als Ordensfrau (oder -mann) seine persönliche Verantwortung automatisch an den Orden bzw. die Kirche abgibt, ist eine nicht einfach zu beantwortende Frage. Es gibt jedoch Beispiele für Ordensleute, die ihre persönliche Verantwortung nicht nur darin sahen, im Sinne einer vorgegebenen Hierarchie und Ideologie möglichst reibungslos und gehorsam zu funktionieren.

Paul Brune besuchte in Lippstadt die Horst-Wessel-Schule (Nicolaischule) in unmittelbarer Nachbarschaft des Heims. Der Schulrektor und gleichzeitig Pauls Klassenlehrer war Josef Sasse, ein überzeugter Nazi und Anhänger der "Rassenhygiene". Er sorgte für das Gutachten durch Dr. Heinrich Stolze vom 12.3.1943, das dem 8jährigen Paul attestierte, wg. "Geisteskrankheit anstaltspflegebedürftig" zu sein, was einem Todesurteil nahekam. Brune wurde nach Dortmund-Aplerbeck verlegt, einer Anstalt, in der hunderte von Kindern als "lebensunwert" umgebracht wurden. Dr. Stolze und zwei Kollegen wurden im sog. "westfälische Euthanasie-Prozess" 1948 wegen "Beihilfe zum Mord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit" angeklagt. Stolze wurde 1953 endgültig freigesprochen, erhielt 1955 eine Stelle an der Landesheilanstalt Marsberg und wurde auf Lebenszeit zum Leitenden Medizinalrat befördert.

"Die NS-Euthanasie, die Tötung geistig und körperlich behinderter Menschen war der erste systematisch durchgeführte Massenmord des NS-Regimes. Das konnte nicht verborgen bleiben und löste Unruhe in der Bevölkerung aus. Um die Loyalität der Deutschen nicht zu verlieren, die für den Russlandfeldzug dringend benötigt wurde, stellten die Nationalsozialisten 1942 offiziell die massenhafte Ermordung von Menschen in der öffentlichen Fürsorge ein." (www.krieg-nolte.de)
Eine wichtige Rolle spielte die „Euthanasiepredigt“ des Münsteraner Bischofs Galen am 3. August 1941: "(...) Wenn einmal zugegeben wird, daß Menschen das Recht haben, ‚unproduktive‘ Mitmenschen zu töten – und wenn es jetzt zunächst auch nur arme, wehrlose Geisteskranke trifft –, dann ist grundsätzlich der Mord an allen unproduktiven Menschen, also an den unheilbar Kranken, den arbeitsunfähigen Krüppeln, den Invaliden der Arbeit und des Krieges, dann ist der Mord an uns allen, wenn wir alt und altersschwach und damit unproduktiv werden, freigegeben. Dann braucht nur irgendein Geheimerlaß anzuordnen, daß das bei den Geisteskranken erprobte Verfahren auf andere ‚Unproduktive‘ auszudehnen ist, daß es auch bei den unheilbar Lungenkranken, bei den Altersschwachen, bei den Arbeitsinvaliden, bei den schwerkriegsverletzten Soldaten anzuwenden ist. Dann ist keiner von uns seines Lebens mehr sicher."

Aufgrund der überaus positiven Beurteilung durch eine Lehrerin überlebte Paul Brune Aplerbeck und wurde ins St. Johannisstift in Marsberg überstellt. "Der St. Johannisstift wurde von katholischen Nonnen geführt. Sie verprügelten die ihnen Anvertrauten regelmäßig. Das gehörte zum Leben wie das Beten, die Zwangsjacke, Kaltwasserbäder und Unterwasserfolter. Wenn dabei ein Kind ertrank, hieß das im Anstaltsjargon "der Seemannstod". (www.krieg-nolte.de) Paul Brune überlebte diese Torturen, den sexuellen Missbrauch in Marsberg und sowie Arbeitsfron, Ausbeutung und Hunger als Leiharbeiter der Anstalt bei einem Bauern. Er versuchte 1952, sich mit E 605 das Leben zu nehmen, überlebte aus das, erhielt die Diagnose "Schizophrenie", floh mehrfach aus der Anstalt, wurde wieder eingefangen und kam zur endgültigen Unterbringung 1953 nach Münster in die Heilanstalt Marienthal. 1957 wurde seine Entmündigung aufgehoben. Paul Brune war 22 Jahre alt und hatte fast sein komplettes Leben in Heimen und Anstalten verbracht.
Robert Krieg / Daniel Daemgen, ... und über uns kein Himmel
(Verlag Graswurzelrevolution 2012)

Eine Graphic Novel auf der Grundlage des Schicksals von Paul Brune (im Buch Fritz Blume), ergänzt durch zahlreiche Dokumente und Hintergrundinformationen.

Von Robert Krieg sind auch der Dokumentarfilm "Lebensunwert" über Paul Brune sowie das Buch "Paul Wulf und Paul Brune. NS-Psychiatrie, Zwangssterilisierung und Widerstand"