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"heimat.kunden" – Ein Projekt von Dirk Raulf. Lippstadt 2020/21
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Dienstag, 28. Juli 2020 (Bei Suche nach "josefsheim" )
Paul Brune, 2. Teil
Ich zitiere die Website www.biapsy.net

"Erst 1957, nach weiteren vier Jahren Familienpflege, erreichte Brune im Alter von 22 Jahren die gerichtliche Aufhebung seiner Entmündigung. Trotz der erheblichen psychischen Folgen der Hospitalisierungen verdiente Brune sich in den folgenden Jahren seinen Lebensunterhalt als Hilfsarbeiter und begann, Petitionen mit dem Ziel seiner Rehabilitation zu verfassen. (...) In den siebziger Jahren holte Brune mit 36 Jahren sein Abitur 1971 an einem Abendgymnasium in Düsseldorf nach und schloss dann an der Universität Bochum ein Lehramts-Studium der Germanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften mit dem ersten Staasexamen ab (Krieg & Nolte 2005). Die Aufnahme eines Referendariats scheiterte jedoch 1978 am Einspruch des Amtsarztes des Bochumer Gesundheitsamtes Johannes John, vormals ärztlicher Leiter der Anstalt Eickelborn, der Brunes Studienerfolge der Fälschung verdächtigte, sich auf die frühere Krankenakte berief und seine Sozialhilfe strich. Brune erstritt sich jedoch das Recht auf ein Referendariat vor dem Verwaltungsgericht Gelsenkirchen und bestand auch das zweite Staatsexamen. Er wurde jedoch nicht als Lehrer eingestellt."

Mir liegt die 70seitige Petition von Paul Brune nicht vor, aber auf www.graswurzel.net werden Auszüge zitiert, die sich auf die Zeit im St. Johannes-Stift Marsberg beziehen.

Absolute Herrscherin der Station war Wilhelmine Englisch. … Sie hatte ihre Station “absolut im Griff”, wie sie immer stolz betonte. Den ganzen Tag mussten wir Kinder schweigend auf den langen Bänken und an den Tischen sitzen. Sprechen war absolut verboten. Wurde ein Kind dabei erwischt, welches versuchte, sich flüsternd mit dem Nachbarn zu unterhalten, wurde es von Wilhelmine Englisch “vertubackt”, wie sie es nannte. Sie fuhr dem “Sünder” mit ihrer Faust knetend im Gesicht herum, riss ihn an den Ohren. Es gab kaum ein Kind auf der “tiefstehenden Station” – so der offizielle Name dieser Station – welches nicht bunte Flecken von diesem “Vertubacken” der Englisch im Gesicht davon trug. Absolute Grabesruhe auf einer Station von fünfzig Kindern im Alter von 4 bis 10 Jahren. Die jüngeren Kinder lernten nicht das Sprechen, die älteren, welche es ansatzweise konnten, verlernten es. Hier wurden mit brutalen Methoden Kinder zu Idioten, “Tiefstehenden” gemacht, und das äußerst erfolgreich. Da wir Kinder “Tiefstehende” waren, kamen wir auch nie ins Freie. Wir hockten den ganzen Tag schweigend auf der Station. Da es keine Bewegung gab, nur Stillsitzen den ganzen Tag, verkümmerten bei den Kleinen auch vor allem die Beine. Von der erbärmlichen Kleidung und dem fehlenden Schuhwerk will ich erst gar nicht reden. Mit kahl geschorenen Köpfen, das besorgte W. Englisch, vegetierten wir kindlichen Elendsgestalten dahin. Diese “Pflegerin” hatte, wie so viele des Anstaltspersonals, die ganze Nazi-Ideologie mit ihrem Untermenschenvokabular verinnerlicht. “Abschaum der Menschheit”, “Minderwertige”, “unnütze Esser”, “Bodensatz”, “Drohnen”, Schmarotzer” usw. Es irritierte diese Frau nicht, dass kein Kind ihre Tiraden verstand. Ich würde diese Frau rückblickend als schwere Hysterikerin und Sadistin von primitivster Struktur bezeichnen. Wenn sie ihren freien Tag hatte, war für uns Kinder Weihnachten.

Hatte sie es besonders auf ein Kind abgesehen, so krallte sie ihre Hand in das kindliche Bauchfleisch ihres Opfers und drehte ihre Hand bzw. das Fleisch. Diese schmerzliche Foltermethode hatte riesige, mit der Zeit in allen Regenbogenfarben schillernde Flecken zur Folge. Leider war diese perverse Quälerei der Englisch auch bei anderem “Pflegepersonal” der Anstalt beliebt. Diese Folter hatte den Vorteil, dass sie nicht sichtbar war.
(...)
Keine der sog. “Schulschwestern” hatte eine Ausbildung oder ein Studium für diesen Beruf. Ein paar hatten einen Vierwochenkurs absolviert. Allein ausschlaggebend war, dass die Nonnen einen Volksschulabschluss besaßen. Es handelte sich bei diesen Nonnen um den “dienenden Orden” der Vinzentinerinnen. … Diese sog. “Schulschwestern” standen auf dem Standpunkt, dass Wissen für uns Kinder schädlich sei. Entsprechend war der “Unterricht”. Es wurde gebetet, gebetet, gebetet. Wir lernten das Gesang- und Gebetbuch von hinten nach vorn, von vorn nach hinten auswendig. Da viel in der Anstalt gestorben wurde, es war ein Totenhaus, aber kein Kinderhaus, sangen wir Kinder dieses Lied in der Totenmesse in der Anstaltskirche:

“Was plagt mich Angst und Not,
bin ich nicht, oh mein Gott,
ein Sünder hier auf Erden.
Verlohnts sich wohl der Müh,
dass ich mich kranke hie,
Bald lieg ich auf der Bahre.
Dann bin ich Staub,
des Todes Raub,
Im Grab der Würmer Speise” …

In der “Schulpause” hatten wir Kinder schweigend vom Schulgebäude durch die unterirdischen Gänge, die die einzelnen Häuser der Anstalt miteinander verbanden, zu den Stationen zu gehen. Was heißt hier gehen? In geordneten Zweierreihen hatten wir Kinder zu den Stationen zu marschieren, ohne ein Wort zu sprechen. Dieser Gang fand ohne eine Aufsichtsperson statt. Einem Kinde wurde das “ehrenvolle Ämtchen” des Aufpassers übertragen, das sich die Namen der Kinder merken musste, welche auf dem Weg von der “Schule” zur Station geschwätzt hatten. … Das leiseste Wispern, Flüstern wurde als “Schwätzen” gemeldet. “Schwätzen” war ein Kapitalverbrechen und wurde als solches geahndet. … Der “Schwätzer” musste hervortreten, die zwei stärksten Schüler ebenfalls. Diese hatten die Aufgabe, den “Schwätzer” an den Armen festzuhalten. Derart wehrlos, zog die Schulnonne Brunis den Sünder an der Nase, damit er den Kopf nicht bewegen konnte, und schlug mit aller Kraft auf den “Schwätzermund”. … Der Mund und das Zahnfleisch bluteten. … Ich zittere noch heute, wenn ich an diese schändliche und grausame Tortur denke. Wir Kinder waren auf Gnade bzw. Ungnade aller abgefeimten Willkür ausgeliefert. Um uns “Minderwertige”, um uns “Abschaum der Menschheit” kümmerte sich kein Mensch. Es gab keinen Arzt in der Anstalt. … Das unqualifizierte Personal unterstand keinerlei Kontrolle. …


"Erst 2003, nach 60 Jahren, wurde Paul Brune mit Unterstützung der Landtags-Abgeordneteten Brigitte Schumann nach seiner sechsten Petition als Verfolgter des nationalsozialistischen Regimes anerkannt und erhielt mit einer monatlichen Rente von 260,- Euro die höchstmögliche Entschädigung (Krieg & Nolte 2005)." (noch einmal www.biapsy.net)

Paul Brunes lebenslanger Leidensweg begann, wie gestern berichtet, im Josefsheim in Lippstadt. Die Ignoranz gegenüber von Zwangssterilisation und Psychiatrie-Folter betroffenen Menschen setzte sich bis Ende der 60er Jahre fort. Lippstadt und das Josefsheim waren kein Sonderfall; sowohl aus der BRD als auch aus der DDR sind mittlerweile viele ähnliche Fälle bekannt. Spät, aber dennoch haben sich Organisationen gebildet, die ehemalige Heimkinder und Psychiatrieinsassen vertreten und Erfahrungsberichte sammeln. Spät, sehr spät wurden schmale Entschädigungen zugesagt; die geringe Anzahl derer, die davon noch profitieren können, ist erschütternd.

Inwieweit die Vorgänge in Lippstadt eine Aufarbeitung erfuhren, ist mir noch nicht bekannt. Bisher habe ich nichts Wesentliches finden können, außer in den vielfach zitierten umfassenden Abhandlungen, in denen die Lippstädter Situation aber nur als eine von vielen vorkommt. So war es ja tatsächlich auch; trotzdem ist für heimat-kunden natürlich die spezifische Lippstädter Geschichte von besonderem Interesse.

Wir befürworten jedenfalls die Umbenennung des Mattenklodtstegs in Paul-Brune-Steg. (s. Eintrag 21.7.)

(wird fortgesetzt)
Neben Alexander Mitscherlichs Bericht "Medizin ohne Menschlichkeit" über die Prozesse gegen NS-Ärzte ist Alice Platen-Hallermunds Buch die zweite wichtige Dokumentation dieser Vorgänge gewesen. Sie beobachtete schon 1946 den Prozess gegen 20 der Euthanasie angeklagte NS-Ärzte, studierte Dokumente und schrieb über die Verbrechen einen Bericht.

„Es sind Idealisten, die behaupten, dass die nach ärztlichen Gesichtspunkten streng durchgeführte Euthanasie Tausende von Geisteskranken von einem menschenunwürdigen Leben erlösen könnte. In der Wirklichkeit sind die bedauernswerten „Menschenhülsen“, die aus Mitleid von ihren Qualen erlöst werden müssen, nicht zu finden. Sie sind eine Fiktion des biologischen Utilitarismus, für den der Kranke, der nicht arbeitet, kein Mensch ist.“
(aus dem Vorwort)
„Unter den Toten sind nur sehr wenige Kranke, deren Leben als erloschen bezeichnet werden könnte, denen kein Lebensfunke zu entlocken gewesen wäre. Viele arbeitsfähige, völlig über ihr Schicksal orientierte Menschen sind neben mehr oder minder geistig Gestörten und Schwachsinnigen damals in den Euthanasie-Anstalten vergast worden.“

Platen schrieb „Die Tötung Geisteskranker in Deutschland“ nach dem Ende des Prozesses. Das Buch erschien 1948, aber es erreichte die Buchhandlungen nicht.

„Irgendwie ist es vernichtet worden, ob es aufgekauft oder einfach beschlagnahmt war, jedenfalls es ist sicher vernichtet worden, aber nicht ganz so gründlich wie Mitscherlichs erstes Buch, denn immer wieder taucht im Internet ein Exemplar auf. Interessierte Menschen können sich das Original immer noch besorgen, also es müssen an die 100 Exemplare oder vielleicht sogar etwas mehr überlebt haben.“

Das Buch teilte das Schicksal von Mitscherlichs "Medizin ohne Menschlichkeit", von dem in der organisierten Ärzteschaft niemand etwas wissen wollte, "im Gegenteil, Mitscherlich wurde als Nestbeschmutzer und 'unbotmäßiger Privatdozent' beschimpft", und einflussreiche Ärzte wie der berühmte Chirurg Ferdinand Sauerbruch strengten sogar Klagen an.

Seit der Wiederveröffentlichung wurde Platen-Hallermunds Buch zu einem Klassiker.

Die so genannte Euthanasie, so schrieb Platen ins Vorwort zur Neuauflage, ist nicht Geschichte. Sie kehrt heute wieder, wenn auch in anderem Gewand, und damit blickt die 96-Jährige fast seherisch in eine offene Zukunft. (Dieses und vorstehende Zitate sind entnommen dem ausführlichen, hervorragend recherchierten Beitrag von Florian Hildebrand im Deutschlandfunk 2006)

Im Kampf gegen Erbkrankheiten wird jetzt oft von der Möglichkeit gesprochen, durch Gen-Manipulation die Betroffenen von ihrer Krankheit zu befreien; es ist sicher verfrüht, über dieses an sich segensreiche Vorgehen zu urteilen. Es erhebt sich aber sofort die Frage, wie weit diese Wissenschaft gehen wird, um den Wunsch nach dem idealen Menschen zu erfüllen. Werden Erbkranke zwangsweise bürokratisch „erfasst“? Welche Aussicht auf Hilfe und Verständnis werden Verkrüppelte haben? Wird ein völlig gesunder Standard-Mensch das neue Ideal werden?