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"heimat.kunden" – Ein Projekt von Dirk Raulf. Lippstadt 2020/21
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Freitag, 31. Juli 2020 (Bei Suche nach "josefsheim" )
Warum ist offenbar so wenig bekannt über die Vorgänge in den Kinderheimen in Lippstadt? Warum gibt es nichts, das an das Leid der Betroffenen erinnert? Das Josefsheim lag mitten in der Stadt, die Kinder gingen mit den anderen Kindern zur Schule, es war bekannt, dass sie darüber hinaus das Heim nicht verlassen durften.

Stille. Eine vertraute Stille. Eine, die der Stille nach der NS-Zeit täuschend ähnelt. "Schwamm drüber, alles musste schnell sauber werden", wie es in einem Zitat der Stunde Null heißt. Die es bekanntlich nicht gab. Die Stunde Null ist ein nützlicher, profitabler Mythos gewesen. Eine Schimäre. Nichts beginnt von vorn. Es wird behauptet, und unter der Behauptung arbeiten Kontinuitäten und Verharmlosungen.

Die Prügelstrafe bzw. körperliche Züchtigung war in den 60er Jahren auch an meiner Grundschule, der Friedrichschule in Lippstadt, noch üblich. Von Ohrziehen über Ohrfeigen bis zu "Tatzen" und Prügeln. Sie wurde an den Schulen der BRD erst 1973 verboten. (Zum Vergleich: in der DDR 1949, in Bayern 1980). Wenn ich mich richtig erinnere, konnten Eltern auch danach ihr schriftliches Einverständnis geben, dass die Kinder/Schüler weiter gezüchtigt werden durften. Davon wurde reichlich Gebrauch gemacht. In Deutschland sind seit 2000 alle Körperstrafen in der Kindererziehung aufgrund des Gesetzes zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung verboten; 1979 wurde schon das elterliche Züchtigungsrecht abgeschafft.

Der Zusammenhang? Das Schweigen, die Ignoranz gegenüber dem Heimkinder-Elend haben unmittelbar mit der "Schwarzen Pädagogik" zu tun, die innerhalb wie außerhalb der Institutionen bis in die sechziger Jahre unwidersprochen die "Erziehung" der Wahl war. Hat noch keinem geschadet. Du wirst schon wissen warum. Wer nicht hören will, muss fühlen. Hunderte ähnlicher Grundsätze illustrieren die Prioritäten der S. P. und prägen die "Erziehung" zum Teil bis heute. Es scheint sich um eine Art Hydra zu handeln, der doppelt so viele Köpfe nachwachsen, wie man sie ihr abschlägt.

Die Folter an Kindern, als "Erziehung" bezeichnet und gerechtfertigt, hat ihren Grund in der Jahrhunderte währenden Tradition der "Schwarzen Pädagogik". Von Katharina Rutschky Ende der siebziger Jahre geprägt, wurde der Begriff von Alice Miller aufgegriffen und definiert als eine „Erziehung, die darauf ausgerichtet ist, den Willen des Kindes zu brechen, es mit Hilfe der offenen oder verborgenen Machtausübung, Manipulation und Erpressung zum gehorsamen Untertan zu machen“.
Untertanen machen Untertanen.
"Durchgängiges Kennzeichen der Texte der schwarzen Pädagogik ist, dass Demütigungen für Kinder ausdrücklich befürwortet werden. Die Verfasser wollen Techniken vermitteln, mit denen man erreicht, dass Kinder sich ihren eigenen inneren Antrieben entfremden und zu Befehlsempfängern ohne inneren Halt werden." (Wikipedia)

Es ergibt sich eine subkutane Verbindung zum Fall Jürgen Bartsch, den Miller als ein Beispiel für die Folgen der S. P. untersucht. Noch ein Lippstädter bzw. Eickelborner Trauma... Es entsteht der Eindruck, die Hauptsache ist immer, nur ja nicht negativ aufzufallen. Alles gehört unter den eigens geknüpften Teppich, der sich immer noch als groß genug erwiesen hat. Ein Parkplatz ersetzt Anfang der 70er das Josefsheim. Betroffene, die ihre Akten einsehen wollen, treffen auf Verweigerung und Schweigegelübde. Das gleichfalls von Vinzentinerinnen geleitete Dreifaltigkeitshospital wird zu einer GmbH; die neue Dreifaltigkeit wird hier wie überall wohl "Profit - Macht - Ansehen" heißen.

Ein Ort, an dem Zwangssterilisationen durchgeführt wurden; von dem Geisteskranke bzw. als geisteskrank Erklärte ins Gas abtransportiert wurden; an dem im Krieg Zwangsarbeiter für Lippstädter Firmen schufteten; an dem in der Nachkriegszeit Heimkinder für dieselben ortsansässigen Firmen profitable Kinderarbeit verrichteten; an dem schließlich ein Kindermörder wie Bartsch bei der Kastrations-OP umkam – ein solcher Ort atmet Kontinuität. Es ist alles eingesickert, der Boden ist mit den Schreien und dem Blut kontaminiert, und das Einzige, das helfen kann, ist rücksichtslose Offenheit, ist Rücksichtslosigkeit gegenüber der Geschichte und, wenn es denn sein muss, gegenüber sich selbst. Seelenhygiene. Heimatpflege!

Während ich dies schreibe, schaut mein Sohn im Nebenzimmer die Verfilmung von Tomi Ungerers "Die drei Räuber"; das Buch erschien 1961. Es handelt von drei Räubern, die ein Waisenkind entführen, von dem sie so begeistert sind, dass sie schließlich mit ihrem Raubgold ein prächtiges Haus kaufen, in das sie viele weitere Waisenkinder aufnehmen. Der Film von 2007 (mit Ungerer als Erzähler) geht deutlich weiter. Das Waisenhaus ist hier ein demütigendes Folter- und Arbeitshaus für Kinder, die tagein, tagaus schuften müssen, um Süßgkeiten herzustellen, von denen sie selbst natürlich nichts abbekommen. Schließlich gelingt die Revolution mit Hilfe der drei Räuber, die sich ebenfalls als ehemalige Waisenkinder herausstellen.
Alice Miller, Am Anfang war Erziehung

Miller analysiert in diesem Buch die frühe Kindheit und die Auswirkungen des Erlebten auf Leben und Handlungen von Christiane F., Adolf Hitler und Jürgen Bartsch.

"Das Bewußtsein der Öffentlichkeit indessen ist noch weit von der Erkenntnis entfernt, daß das, was dem Kind in den ersten Lebensjahren angetan wird, unweigerlich auf die ganze Gesellschaft zurückschlägt, daß Psychosen, Drogensucht, Kriminalität ein verschlüsselter Ausdruck der frühesten Erfahrungen sind. Diese Erkenntnis wird meistens bestritten oder nur intellektuell zugelassen, während die Praxis (die politische, juristische oder psychiatrische) noch stark von mittelalterlichen, an Projektionen des Bösen reichen Vorstellungen beherrscht bleibt, weil der Intellekt die emotionalen Bereich nicht erreicht."