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"heimat.kunden" – Ein Projekt von Dirk Raulf. Lippstadt 2020/21
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Donnerstag, 13. August 2020 (Bei Suche nach "josefsheim" )
Auf der Website der Hedwig-Schule im Lippstädter Süden kann man die "Chronik" der Institution lesen.

Die Geschichte der Hedwig-Schule hat ihren Ursprung in Schlesien unter der Führung der Kongregation der Hedwigschwestern. Nach der Vertreibung aus Breslau im Jahr 1946 kamen sie nach Schloss Körtlinghausen, in den damaligen Kreis Lippstadt. (...) Im Sommer 1948 zogen die Schwestern mit ihren Kindern nach Overhagen um. Hier bewohnten sie das Schloss. Der Unterricht wurde in einem Klassenraum und in der hauseigenen Kapelle erteilt.
Mit Erlass vom 25.07.1956 erteilte der Kultusminister die vorläufige Genehmigung zur Errichtung der privaten Volksschule des Kinderheims in Overhagen. (...) 1959 zog das Kinderheim von Overhagen in die neu errichteten Gebäude auf dem käuflich erworbenen Grundstück an die Stirperstr. / St. Hedwigstr. Dazu gehörte auch eine eigene Schule (priv. kath. Volksschule), in der die Heimkinder unterrichtet wurden.
Mit Bescheid vom 07.07.1971 erteilte der Kultusminister des Landes NRW die Genehmigung zur Umwandlung von einer katholischen Volksschule in eine Sonderschule für Erziehungshilfe. Mit Wirkung vom 01.01.1971 trägt die Sonderschule die Bezeichnung: „Schule für Erziehungshilfe (Sonderschule) – Ersatzschule des Kinderheims St. Hedwig in Lippstadt.
Zunächst war die Schule eine reine Heimschule. (...)
Seit Beginn der 80er Jahre änderte sich das grundlegend. Die Zahl der Externen stieg drastisch an und die Zahl der Heimkinder reduzierte sich fortlaufend. Dieser Entwicklung trugen die Hedwigschwestern Rechnung und gaben in der Folgezeit den Standort Lippstadt auf.  (...)
Ab 01.08.1996 wurde die Sonderschule als Hedwig - Schule, Sonderschule für Erziehungshilfe in Trägerschaft der Stadt Lippstadt neu gegründet. 1998 wurde auch das Kinderheim St. Hedwig aufgelöst. Die Kinder wurden in verschiedene Wohngruppen in der näheren Umgebung untergebracht.
(Bearb. DR)

Kein Wort, keinerlei Reaktion auf die Berichte ehemaliger Heiminsassen auch aus diesem Kinderheim.

In Peter Wensierskis Buch "Schläge im Namen des Herrn" wird deutlich, wie wichtig der Anstoß durch die sogenannte "Heimkampagne" der "Außerparlamentarischen Opposition" Ende der 60er gewesen ist, um die Quälerei in den bundesdeutschen Kinderheimen zu beenden. Es wird kein Zufall gewesen sein, dass das Josefsheim im Lippstädter Zentrum zu Beginn der 70er abgerissen wurde. Von dort gibt es einschlägige Berichte über Kindesmissbrauch und -folter. Aus Benninghausen (und übrigens auch aus Paderborn) Berichte über Zwangsarbeit von Heimkindern (s. u.).

Die Aktenlage ist, wie das Stadtarchiv bestätigt, äußerst dürftig. Die Orden, die die Heime betrieben, haben ihre eigenen Archive, deren Akten nicht zur Verfügung gestellt werden oder angeblich verloren sind. Nach der "Heimkampagne", an der die späteren RAF-Terroristen Baader, Ensslin, Meinhof, Proll u. a. beteiligt waren, und ihren gesellschaftlichen Folgen, nach der Selbstorganisation der ehemaligen Heimkinder Anfang dieses Jahrtausends, den langwierigen politischen Prozessen und den Auseinandersetzungen um angemessene Entschädigung für die Betroffenen (die auch immer weniger werden) ist die Angst vermutlich größer denn je, hier für Aufklärung zu sorgen. Das, wovon man nicht spricht, hat auch nicht stattgefunden.

Man ist auf die Berichte der ehemaligen Heimkinder angewiesen, um sich eine Vorstellung davon zu machen, worum es eigentlich geht. Einer der aktivsten Sprecher der Heimkinderverbände, Pierre de Pico, hat selbst lange Zeit im Hedwigheim verbracht. Seinen Bericht findet man u. a. HIER.

Und einen Fernsehbericht von "Report" über die unbezahlte Arbeit der Heimkinder im früheren Salvator-Kolleg Klausheide (Paderborn) findet man HIER auf Youtube. Ferner eine ausführliche Darstellung dieses Reports auf der Seite des SWR. In beiden Fällen ist auch die Lippstädter HELLA Thema, es gibt u. a. ein Statement eines HELLA-Sprechers dazu; man gab sich ahnungslos. Dabei ist die HELLA keine Ausnahmen; eine große Anzahl von Firmen hat, wie schon gesagt, profitiert, außerdem natürlich die kirchlichen Einrichtungen und Institutionen wie die CARITAS. Der LWL ist auch hier aufklärerisch tätig, aber bis zur Stunde ist mir keine Entschuldigung von einer der Firmen bekannt, und ich wüsste auch nicht, dass hier direkte Beteiligung an den Entschädigungen geleistet wurde.

Hat es in Lippstadt dazu irgendeine öffentliche Diskussion gegeben?
Peter Wensierski, Schläge im Namen des Herrn. Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik

Dieses Buch war 2006 mit verantwortlich dafür, dass endlich öffentlich gemacht wurde, was hunderttausende von "Heimkindern" nach dem Krieg bis in die – wie man heute weiß – 90er Jahre an Demütigungen, Folter, Traumata erlitten haben. Das Buch berichtet von der Fortführung nationalsozialistischer Grundsätze, die ihrerseits aber eine Radikalisierung dessen darstellen, was in Deutschland als "Pädagogik" schon weit vorher begann und seit den 70er Jahren unter dem Stichwort "Schwarze Pädagogik" zusammengefasst wird.

Neben erschütternden Berichten von Opfern der unmenschlichen Behandlungen wird die Geschichte der Heimkinder-Behandlung auführlich zusammengefasst und anhand zahlreicher Zitate nachvollziehbar macht, was für ein Ungeist gerade in den christlichen Kirchen gegenüber diesen Schutzbefohlenen, gegenüber Hilflosen und Schwachen herrschte. Und immer noch herrscht, wenn man sich klar macht, dass bis heute gerade seitens der Kirchen und ihrer verantwortlichen Organisationen keine klaren Stellungnahmen, Entschuldigungen, Wiedergutmachungen gegenüber den Opfern vorgenommen werden.

Gegen Ende des Buches wird die "Heimrevolte" dargestellt, die Ende der sechziger Jahre begann, die grausame Praxis in den Heimen endgültig öffentlich machte und entscheidend zu einem Umdenken beitrug. Protagonisten der Bewegung waren die späteren RAF-Terroristen Ulrike Meinhof, Ende der 60er noch investigative Journalistin, Gudrun Ensslin und Andreas Baader.

Ein hervorragendes Buch, das zweimal auch Lippstadt streift.

Ohne Lippstadt namentlich zu erwähnen, wird auf S.69 der Fall Paul Brune erwähnt. "Nach einem Selbstmordversuch der Mutter steckt man ihn in ein katholisches Fürsorgeheim, wo die Kinder fast den ganzen Tag 'still und brav auf ihren Stühlchen sitzen' müssen. Brune wurde 1942 von einem Lehrer vollkommen willkürlich als 'erblich minderwertig' abgestempelt und nach Dortmund-Applerbeck in ein Heim eingewiesen, wo er nur knapp dem Euthanasietod entging." Das Fürsorgeheim war das Josefsheim in Lippstadt; der erwähnte Lehrer war der Rektor der Horst-Wessel-Schule Josef Sasse. Nach dem Krieg hieß die Schule wieder Nikolaischule; in der Jubiläumsschrift gibt es nur lobende Worte für den ehemaligen Schulleiter. Auch auf der Website der Schule kein Wort zum Josefsheim, dessen Insassen allesamt die Nikolaischule besuchten.

Auf S.76 wird das Salvator-Kolleg Klausheide in der Nähe von Paderborn erwähnt, in dem Jugendliche wie in vielen anderen Heimen für einen Hungerlohn für die Industrie schuften mussten. Ein Betroffener "erinnert sich daran, im Salvator-Kolleg Klausheide Scheinwerfer für die Firma H. und Matratzen für eine Firma aus Delbrück gefertigt zu haben." Die Firma H. ist die Lippstädter HELLA; im Netz gibt es zahlreiche Berichte über diese Form von Zwangsarbeit; nicht zu finden ist hingegen eine Entschuldigung oder Wiedergutmachung seitens der HELLA.

Ein tiefes Rätsel gibt die Tatsache auf, dass so viele dieser grausamen Institutionen mit ihrer unmenschlichen Praxis gerade in Westfalen standen. Immer wieder wird dies in den einschlägigen Büchern oder Blogs festgestellt, bisher habe ich für diesen Umstand keinen triftigen Grund finden können.