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"heimat.kunden" – Ein Projekt von Dirk Raulf. Lippstadt 2020/21
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Freitag, 30. Oktober 2020 (Bei Suche nach "josefsheim" )
Vor einigen Monaten habe ich mich intensiv mit der Recherche nach zwei Lippstädter Kinderheimen befasst: Das Josefsheim und das Hedwigsheim wurden regelmäßig in Berichten ehemaliger Heimkinder als regelrechte Höllen für Kinder beschrieben. Ich war auf die Lebensgeschichte von Paul Brune gestoßen, einem ehemaligen Heimkind und Fürsorgezögling, der nicht aufgehört hatte, darum zu kämpfen, als Opfer anerkannt zu werden und eine entsprechende Rente zu erhalten. Paul Brunes Geschichte wurde in Büchern und Filmen dokumentiert; sein Leidensweg begann im Josefsheim in der Hospitalstraße Lippstadt, das in den 70ern abgerissen wurde. Heute befindet sich dort der Parkplatz des Dreifaltigkeitshospitals.

Es gibt etliche Berichte Betroffener, die in Lippstadt gelitten haben – auch im Hedwigsheim –, und es gibt verschiedenste Zeitungsberichte. Nach meiner Kenntnis hat dies weder die Lippstädter Öffentlichkeit erreicht, noch hat seitens der Betreiber in Lippstadt eine Aufarbeitung oder gar Anerkennung stattgefunden.

Die meisten dieser Heime wurden konfessionell geführt, viele in Zusammenarbeit und unter Aufsicht des LWL, manche der Heime, etwa eines in Benninghausen, wurden vom LWL selbst betrieben. 2012 veröffentlichte der LWL die Publikation "Quellen zur Geschichte der Heimerziehung in Westfalen 1945 bis 1980". Aus der Zusammenfassung geht hervor, dass hier nicht nur – ähnlich wie in den konfessionellen Heimen – Kinder und Fürsorgezöglinge unter heute unvorstellbaren Bedingungen lebten und behandelt wurden; darüber hinaus wird hier nachgewiesen, dass diese Zöglinge unmittelbar, und zwar unter fachlicher Aufsicht aus dem Werk, für die HELLA arbeiten mussten, also als billige Arbeitskräfte für dieses Unternehmen herhielten. Auch darüber gibt es einschlägige Berichte von Betroffenen. Benninghausen ist, was die Heimarbeit für die HELLA anging, in der Region kein Einzelfall, auch darüber habe ich früher bereits geschrieben.

Man kann diese Dinge nicht einfach benennen und dann abhaken. Ich werden versuchen, zu ehemaligen Lippstädter Heimkindern Kontakt aufzunehmen.

Hier ist das komplette Zitat aus "HEIMKINDER UND HEIMERZIEHUNG IN WESTFALEN 1945–1980 – Zusammenfassung der zentralen Erkenntnisse aus der Quellenarbeit. Bearbeiter: Matthias Frölich", zu finden HIER.

"Nachdem der Provinzialverband im Sommer 1945 das von amerikanischen Truppen besetzte Arbeitshaus Benninghausen zurückerhalten hatte, wurden hier die Reste des Provinzialaufnahmeheims und des vom Provinzialverband 1943 errichteten Arbeitserziehungslagers Maria Veen – beide mittlerweile provisorisch in Schweicheln untergebracht – zusammengelegt. Angesichts der Masse an vagabundierenden Jugendlichen fand auch nach dem Kriegsende das 1943 durch einen Himmler-Erlass geschaffene Instrument der „Arbeitserziehung“ in Westfalen weiterhin Anwendung. Jugendliche, die „ihre Arbeit bummelten“ und auf diese Weise vom Ideal des Fleißes und der Tüchtigkeit abwichen, sollten durch eine äußerst straffe Form der FE wieder an Arbeit gewöhnt werden. Diese Arbeitserziehung wurde unter anderem in Benninghausen durchgeführt. Die Zahl der Jugendlichen in Arbeitserziehung sank nach der Währungsreform stark ab, sodass die Maßnahme 1954 überflüssig wurde. Das Provisorium in der Korrigendenanstalt blieb vorerst bestehen und Benninghausen wurde weiterhin mit ‚normalen‘ Fürsorgezöglingen belegt, da die Versuche des Provinzialverbandes, das ehemalige Dorstener Heim wieder beziehen zu können, gescheitert waren.

Die Voraussetzungen für eine pädagogische Arbeit in Benninghausen waren schlecht. Neben der angespannten räumlichen Situation, die sich in Mängeln an der Bausubstanz sowie engen Schlafsälen mit 15 oder mehr Betten zeigte, fehlte es an Personal. Für etwa 80 Jugendliche waren bis in die 1950er Jahre hinein nur fünf Erzieher und ein Heimleiter zuständig. Zudem war das wenige vorhandene Personal nicht fachgerecht ausgebildet und teilweise für die Betreuung von Jugendlichen ungeeignet. Hierarchische Strukturen, Zucht und Ordnung sowie ein militärischer Umgangston und Tagesablauf prägten den Heimalltag. Die Jugendlichen wurden vor allem durch Arbeit bei Bauern in der Umgebung beschäftigt und ab 1963 zusätzlich in einem Fertigungsbetrieb der Firma Hella auf dem Heimgelände. Angesichts der ungeeigneten Unterbringung im Benninghausener Arbeitshaus wurde der Umzug der Abteilung in ein neues Heim von Beginn an ins Auge gefasst. Pläne zur Verlegung an einen neuen Standort – z. B. nach Haldem – wurden jedoch fallen gelassen, da die neue Einrichtung nicht in ländlichen Gebieten, sondern wegen des größeren Angebots an Arbeitsstellen in der Nähe des Ruhrgebietes entstehen sollte. Statt eines Umzugs und einer damit verbundenen Besserung wurde die räumliche Situation durch die Auflösung der Abteilung in Maria-Veen Ende 1958 und die Verlegung der dort untergebrachten 50 Jugendlichen nach Benninghausen noch angespannter. Erst mit dem Neubau und Bezug des Dorstener Heims im Herbst 1965 fand das 20 Jahre währende Provisorium im Arbeitshaus Benninghausen ein Ende."
Die Lebensgeschichten zweier Männer, die durch NS- und Nachkriegs-Psychiatrie, Zwangssterilisierung, Heimaufenthalte für ihr Leben traumatisiert und beschädigt wurden. Vor allem lässt sich an den Biographien aber ablesen, wie zynisch und ignorant mit diesen Opfern, ihrem Leiden und ihren Leben bis in unser Jahrtausend umgegangen wird. Ihre Folterer waren oft kurz nach dem Krieg im Rahmen der Entnazifizierung wieder in Amt und Würden; die Leiden von Paul Wulf, Paul Brune und hunderttausender weiterer Betroffener nahmen kein Ende.

Im Dokumentarfilm "Lebensunwert" mit und über Paul Brune sagt er zum Schluss, in einer Bibliothek um sich weisend: "Lieber allein als unter bösen Menschen. Und da habe ich die vielen Freunde, angefangen mit Homer bis hin zu Peter Handke. Da kann man 1000 Leben leben und hat noch nicht alles ausgeschöpft."