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"heimat.kunden" – Ein Projekt von Dirk Raulf. Lippstadt 2020/21
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Freitag, 6. November 2020 (Bei Suche nach "josefsheim" )
Reinhard Klockow, in Berlin lebender Linguist und Autor, gebürtiger Lippstädter, hat zahlreiche Gespräche mit seiner Tante Margarete Klockow (1920 – 2019) transkribiert, die, Lippstadt betreffend, einen reichen Fundus an Erinnerungen und Erzählungen darstellen. Das Besondere an diesen Gesprächen ist, dass die dunklen Seiten der Geschichte(n) nicht ausgeblendet oder anekdotisch verbrämt werden, sondern in derselben Direktheit und Unverblümtheit zur Sprache kommen wie alle übrigen Themen.

Zu den Vorgängen im Lippstädter Josefsheim, dem "Waisenhaus", wie es auch oft genannt wurde, findet sich in diesen Aufzeichnungen die folgende Passage. Den thematischen Zusammenhang bildet die seinerzeit strikte Trennung von evangelischen und katholischen Konfessionen in Lippstadt. Eigennamen wurden für die Veröffentlichung auf diesem Blog abgekürzt bzw. ersetzt ("die Tochter", "das Mädchen").

Bei uns Kindern spielte die Konfession eigentlich keine Rolle, überhaupt in der unmittelbaren Nachbarschaft nicht, die funktionierte sehr gut. Aber sonst hatten meine Eltern gar keine katholischen Bekannten, und auch beim Einkaufen gab es den Unterschied: Man kaufte als Protestant nur bei Protestanten, genauso wie die Katholiken nur bei Katholiken. Gut, das Brot kauften wir bei Katholiken, weil es Nachbarn waren, aber das war schon irgendwie ein bisschen außer der Reihe, und wir hätten auch, glaub ich, nie Fleisch bei einem Juden gekauft. Der Metzger Goldschmidt war ja gar nicht so weit entfernt, neben dem Textilgeschäft Senger an der Ecke Kolpingstraße/Cappelstraße, aber ich bin nie in dem Laden gewesen. Aber manchmal gab es auch mit der Nachbarschaft Probleme. Bei uns im Haus wohnten ja auch W.s, und Frau W. musste einmal für längere Zeit ins Krankenhaus. Ihre Tochter war da noch klein, ungefähr zwei Jahre alt, und meine Mutter sagte: Sie kann in der Zeit bei uns bleiben. Aber wir durften sie nicht behalten, weil wir evangelisch waren. Andere Nachbarn haben da noch zu uns gehalten, Änne und Klärchen, und gesagt, wir gehen dann rauf und beten mit dem Kind. (Dabei bin ich noch nicht mal überzeugt, dass Frau W. mit dem Kind viel gebetet hat; als ich die Tochter später mal fragte, ob ihre Mutter damals mit ihr gebetet hätte, sagte sie: Ich weiß das nicht.) Aber nein, das Kind musste ins Waisenhaus, weil sie als katholisches Kind nicht bei einer evangelischen Familie untergebracht werden durfte. Und sie hat es dann im Waisenhaus wohl sehr schlecht gehabt, die katholischen Waisenhäuser hatten später, also nachträglich gesehen, einen ziemlich schlechten Ruf. Das Waisenhaus war auch auf der Weihenstraße, und die Kinder da haben mir damals schrecklich leid getan. Das war ein roter Backsteinbau, an sich gar nicht mal so hässlich, auch ganz großzügig, aber dann war da dieser Hofraum, voll mit Bäumen und vollkommen dunkel, und da durften die Kinder dann nachmittags mal so eine Stunde spielen – ja, spielen? Dann standen sie meistens am Zaun und guckten uns an, aber wenn wir dann zu ihnen hingingen, wurden sie sofort von den Nonnen zurückgerufen – das waren wirklich ganz erbärmliche Kinder. Als die Tochter aus dem Waisenhaus kam, da ging sie in kein fremdes Haus mehr. Sie ließ sich nicht mehr baden, die hat geschrien, die hat sich steif gemacht. Und einmal, als sie dann wieder zu Haus war, ging ich mit ihr einkaufen, und zwar kauften wir bei Henkemeier – guck, das war sogar ein katholische Geschäft! – das war ein Gemüseladen (...). Und da ging das Mädchen nicht mit in den Laden, die hat sich auf die Straße geschmissen, und ich bin unverrichteter Dinge wieder nach Hause gegangen – ich konnte das Kind ja nicht da draußen liegen lassen, ich war ja selbst noch ein Kind, war vielleicht zehn Jahre alt. Sie ging auch mit keinem Fremden mit, sie ging zwar mit mir, aber sie wäre auch mit kaum einem anderen Kind auf der Straße mitgegangen. Sie war vollkommen verschüchtert.

Reinhard Klockow, dem ich für die Erlaubnis danke, die Aufzeichnungen in dieser Weise zu veröffentlichen, hat Paul Brune persönlich gekannt. Sie haben sich über die gemeinsame Klavierlehrerin Elisabeth Schäfer in Lippstadt kennengelernt, und im Dokumentarfilm über Paul Brune taucht ein Foto auf, auf dem die beiden mit einem weiteren Freund im "Goldenen Hahn" zu sehen sind.

Die unselige Geschichte von Mißbrauch und Züchtigungen in den Lippstädter Heimen muss aufgearbeitet werden. Jede Information, die hier weiterhelfen kann, ist hochwillkommen. Eine Mauer des Schweigens scheint an die Stelle der ehemaligen Mauern des "Waisenhauses" getreten zu sein; in der Publikation "150 Jahre Nicolaischule" etwa wird das benachbarte Josefsheim, dessen Zöglinge in die Nicolai-(bzw. Horst-Wessel-)Schule gingen, mit keinem Wort erwähnt.
Barbara Beuys, Familienleben in Deutschland. Neue Bilder aus der deutschen Vergangenheit